Bringen Zwischenfruchtmischungen mit diversen Pflanzenarten wirklich mehr Wurzelbiomasse?
- Sabina Auberger
- 5. Juni
- 3 Min. Lesezeit

In den Agrarmedien kursierten Schlagzeilen, die viele Landwirte verblüfft haben: Eine wissenschaftliche Untersuchung behauptet, dass artenreiche Mischungen unter der Erde weniger Masse bilden als der Anbau von Einzelkomponenten. Da wir uns für den nachhaltigen Humusaufbau besonders intensiv mit der unterirdischen Entwicklung beschäftigen, schauen wir uns dieses Ergebnis heute ganz genau an.
Stimmt die Aussage pauschal? Die kurze Antwort lautet: Nein, denn der Teufel steckt wie so oft im Detail.
Das Versuchsdesign der Studie
Die besagte Untersuchung aus Deutschland (veröffentlicht im November 2023) verglich drei Reinsaaten mit einer Zweier- und einer Dreier-Mischung. Die Aussaat erfolgte jeweils Mitte August, die Auswertung im darauffolgenden November.
Die untersuchten Einzelkomponenten:
Ölrettich, Grünschnittroggen und Inkarnatklee.
Die geprüften Varianten:
Neben den Reinsaaten standen eine Zweier-Mischung (Ölrettich + Grünschnittroggen) und eine Dreier-Mischung (Ölrettich + Grünschnittroggen + Inkarnatklee) im Fokus.
Die ursprüngliche Hypothese:
Die Wissenschaftler nahmen an, dass die Mischungen durch Synergien eine höhere unterirdische Masse bilden würden.
Das überraschende Ergebnis:
Die Variante mit reinem Ölrettich wies die absolut höchste unterirdische Biomasse auf. Die Mischungen blieben messbar dahinter zurück.
Die Praxis-Ergebnisse: Christophs Kritikpunkte
Wenn man tiefer in die Daten einsteigt, relativiert sich die Schlagzeile schnell. Das Versuchsdesign zog Bedingungen heran, die mit der echten landwirtschaftlichen Praxis bei einer Aussaat Mitte August wenig gemeinsam haben.
Die extreme Saatstärke beim Ölrettich
In der Solo-Variante wurden 30 kg/ha gedrillt. Für Mitte August ist das ein enorm hoher Wert (Kammern empfehlen meist nur 15 bis maximal 20 kg/ha). In der Zweier-Mischung wurde die Menge auf 15 kg/ha halbiert, in der Dreier-Mischung auf 10 kg/ha reduziert.
Das Problem der Dominanz
Bei 15 kg/ha Ölrettich-Anteil im August ist es absolut vorhersehbar, dass die Kultur extrem dominant wird und die Beipflanzen schlichtweg unterdrückt.
Die unübliche Zusammenstellung
Eine Kombination aus massiven Mengen Grünschnittroggen (120 kg/ha solo) und Ölrettich entspricht keiner gängigen Sommer-Praxismischung.
Die Frage der Vielfalt
Aus agronomischer Sicht kann man bei einer Kombination aus nur zwei oder drei Komponenten kaum von einer echten, diversen Mischung sprechen. Diese Dynamik entfaltet sich meist erst ab 5, 8 oder 10 verschiedenen Partnern.
Was sagen andere wissenschaftliche Untersuchungen?
Dass das Thema extrem komplex und aufwendig zu erforschen ist, steht außer Frage. Dennoch existieren internationale Arbeiten, die exakt das Gegenteil belegen:
Die Heuermann und Von Wirén-Studie
Über zwei Jahre und an zwei Standorten wurde ein Vierer-Mix mit Reinsaaten verglichen. In vier von fünf ausgewerteten Fällen war die unterirdische Masse der Mischung gleich hoch oder signifikant höher als die der Einzelkomponenten.

Langzeit-Ergebnisse aus Kanada
Hier wurden Steigerungen der Biomasse von der reinen Erbse über einen 6er-Mix bis hin zu einem 12er-Mix nachgewiesen. Je artenreicher die Variante war, desto höher und stabiler fiel das Wurzelgewicht aus.

Die Studie der Uni Hannover (Dr. Norman Gentsch)
In dieser Untersuchung wurde ein Senf-Solobestand mit einem Vierer-Mix und einem 12er-Mix verglichen. Das Ergebnis widerlegt die Agrarmedien-Schlagzeile deutlich: Die artenreiche 12er-Mischung lieferte nicht nur die höchste CO2-Nutzungseffizienz, sondern aktivierte auch die mit Abstand meiste mikrobielle Biomasse (Bakterien, Pilze, Einzeller) unter der Erde. Mehr Diversität im Pflanzenbestand sorgt also nachweislich für mehr biologische Masse und Aktivität im Boden.

Der wahre Mehrwert: Stabilität, Bodenleben und Nährstoffaufschließung
Es greift zu kurz, den Erfolg einer Zwischenfrucht ausschließlich über das reine Gewicht der Wurzeln zu definieren. Vielfalt im Feld bringt eine ganze Reihe unschlagbarer Systemvorteile mit sich:
✔ Höhere Stressresistenz
Daten aus Übersee zeigen, dass diverse Bestände über die Jahre hinweg viel stabilere Erträge liefern, da sie flexibler auf widrige Witterungsbedingungen reagieren.
✔ Explosion der mikrobiellen Biomasse
Eine bekannte Studie der Uni Hannover (unter Beteiligung von Dr. Norman Gentsch) untersuchte die Effekte von Senf im Vergleich zu einem 4er- und einem 12er-Mix. Das Ergebnis: Die 12er-Mischung wies die höchste CO2-Nutzungseffizienz sowie die größte Masse an aktiven Bakterien, Pilzen und Einzellern im Boden auf.
✔ Optimale Bodenstruktur
Unterschiedliche Pflanzenarten durchwurzeln den Horizont auf verschiedenen Ebenen. Ölrettich und Sandhafer beispielsweise ergänzen sich perfekt und hinterlassen im Spätherbst eine hervorragende Krümelstruktur.
Christophs Tipp für deinen Betrieb
Grau ist alle Theorie – entscheidend ist, was auf deinem eigenen Schlag passiert. Um dir ein unverfälschtes Bild zu machen, mache eine eigene kleine Studie:
Säe im Sommer neben einer einfachen Variante oder einer Reinsaat eine klug abgestimmte, artenreiche Zwischenfruchtmischung (gerne natürlich von FARM2FARM) aus. Nimm im November den Spaten in die Hand, stich in beide Bestände und grabe den Boden auf. Du wirst den Unterschied in der Aggregatstabilität, der Wurzelbiomasse und der gesamten Bodenstruktur durch die verschiedenen Pflanzenarten in deinen Zwischenfruchtmischungen sehen.
Du willst geeignete Pflanzenarten in deinen Zwischenfruchtmischungen um nachhaltig Wurzelbiomasse aufzubauen?
Ob deine Zwischenfruchtmischung unter der Erde die maximale Wurzelbiomasse bildet oder durch Dominanz einzelner Arten ausgebremst wird, steht und fällt mit der richtigen Konstruktion. Lass nicht den Zufall entscheiden, was unter deiner Erde passiert! Wir stimmen die Artenzusammensetzung und die Mischungsverhältnisse exakt auf deinen Standort und deine Ziele ab – für eine optimale Durchwurzelung auf allen Ebenen und ein aktives Bodenleben.
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