Wieviel Wasser kostet dich die Zwischenfrucht?

Die Wetterextreme der letzten Jahre zeigen es uns immer deutlicher: Wasser ist und bleibt der entscheidende Faktor für einen erfolgreichen Pflanzenbau. Wenn in Europa teilweise nur 10 bis 30 % des gewohnten Niederschlags fallen, stehen viele Betriebe vor massiver Trockenheit.
Da drängt sich im Sommer rasch die entscheidende Frage auf: Wie viel Wasser kostet mich die Zwischenfrucht wirklich? Nimmt sie der Hauptkultur im nächsten Frühjahr das kostbare Nass weg oder schützt sie den Boden sogar davor?
Die kurze Antwort lautet: Es kommt auf deine Managemententscheidung an. Wie die biologischen Prozesse dahinter ablaufen und wie du deinen Wasservorrat gezielt steuerst, schauen wir uns jetzt Schritt für Schritt an.
Die zwei Stellschrauben: Transpiration vs. Evaporation

Um den Wasserhaushalt auf dem Acker richtig zu verstehen, musst du zwei zentrale Begriffe unterscheiden:
Transpiration (Veratmung): Das Wasser, das die grüne Pflanze während ihres Wachstums aufnimmt und über die Blätter verdampft.
Evaporation (Verdunstung): Das Wasser, das direkt über die unbedeckte Bodenoberfläche an die Luft abgegeben wird.
Der Vergleich: Zwischenfrucht vs. Schwarzbrache
Mit deiner Entscheidung für eine Begrünung stellst du das System auf deinem Feld völlig neu ein:
Auf der Schwarzbrache gibt es mangels Pflanzen keine Transpiration, dafür aber eine ungehemmte Evaporation über die freie Bodenoberfläche.
Unter der Zwischenfrucht entsteht Transpiration durch das Wachstum. Gleichzeitig sinkt die Evaporation deutlich, weil der Bewuchs den Boden beschattet und vor Wind sowie Sonneneinstrahlung schützt.
Warum der Effekt im Winter kippt
Die Befürchtung, eine Zwischenfrucht sei ein reiner „Wasserverschwender“, beruht meist auf einer unvollständigen Betrachtung des gesamten Zeitverlaufs. Die Wasserbilanz ist hochdynamisch und verändert sich im Laufe der Monate entscheidend:
Die Etablierungsphase (Sommer & Herbst): In den ersten Wochen nach der Aussaat benötigt die junge Zwischenfrucht Feuchtigkeit für ihr Wurzel- und Blattwachstum. In dieser Phase entzieht der begrünte Acker dem Boden in der Summe tatsächlich etwas mehr Feuchtigkeit als eine kahle Brachefläche.
Der „Cut“ im Winter: Sobald die Temperaturen fallen und die Vegetation stoppt, sterben abfrostende Zwischenfrüchte ab.
Der schützende Mulchdeckel (Frühjahr): Auf dem Acker bleibt eine dichte Mulchschicht aus abgestorbenen Pflanzenresten zurück. Diese Schicht wirkt wie ein Schutzschild und bremst die direkte Verdunstung (Evaporation) aus dem Boden im Frühjahr fast vollständig aus.
Das Ergebnis im Frühjahr: Während auf der unbedeckten Schwarzbrache über den gesamten Winter und das Frühjahr hinweg kontinuierlich Wasser ungenutzt verdunstet, hält der verbleibende Mulch die Feuchtigkeit stabil im Boden fest. Bis zur Aussaat der Folgefrucht im Sommer steht dir nach einer abfrostenden Begrünung meist deutlich mehr pflanzenverfügbares Wasser zur Verfügung als nach einer Reinsaat-Schwarzbrache.
Abfrostend vs. Überwinternd: Das Risiko im Frühjahr
Während abfrostende Systeme eine sichere Bank für die Wassereinsparung sind, erfordern überwinternde Zwischenfrüchte (wie Grünroggen, Rübsen oder Winterfutterraps) ein hochpräzises Management.

Der erneute Wasserverbrauch: Sobald die Vegetation im März oder April wieder einsetzt, beginnen überwinternde Pflanzen sofort wieder intensiv Wasser zu transpirieren.
Das Grünroggen-Risiko: Ein üppig wachsender Grünroggenbestand kann Anfang April 30 bis 40 Liter Wasser pro Woche und Quadratmeter aus dem Boden ziehen. In ohnehin trockenen Regionen fehlt dieses Feuchtigkeitsdepot der nachfolgenden Hauptkultur (wie Mais oder Soja) später komplett.
Die Management-Lösung bei Trockenheit: In trockenen Regionen (wie Teilen Österreichs, Süddeutschlands oder Osteuropas) müssen überwinternde Bestände frühzeitig (etwa 2 bis 4 Wochen früher als üblich) terminieren, also mechanisch oder chemisch abgetötet werden. Nur so lässt sich der unkontrollierte Wasserverbrauch rechtzeitig stoppen.
Der Sonderfall: Nasse, maritime Lagen
In Regionen mit sehr hohen Winterniederschlägen (z. B. an den Küsten) kehrt sich dieses Risiko in einen echten Vorteil um. Hier hilft der lebende, überwinternde Bewuchs im Frühjahr ganz bewusst dabei, überschüssige Feuchtigkeit aus dem Boden zu veratmen. Zusammen mit der intensiven Durchwurzelung wird die Tragfähigkeit des Bodens verbessert, was eine deutlich schnellere und strukturschonendere Befahrbarkeit der Äcker im Frühjahr ermöglicht.
Bodenstruktur, Infiltration und Schutz vor Extremwetter

Eine Zwischenfrucht reguliert das Wasser nicht nur über die Verdunstung, sondern verbessert die Bodenphysik und das Wasserspeichervermögen grundlegend und nachhaltig:
Steigerung des Porenvolumens: Wissenschaftliche Daten zeigen, dass bereits nach dem ersten Jahr mit einer Zwischenfrucht das Porenvolumen im Boden um rund 15 % ansteigt. Ein erhöhtes Porenvolumen ist die physikalische Voraussetzung für eine gesteigerte Wasserspeicherkapazität.
Schutz vor Starkregen und Erosion: Treffen Starkregenereignisse auf unbedeckten Boden, zerstören die Regentropfen die Bodenstruktur an der Oberfläche (Verschlämmung). Bei einer Zwischenfrucht bremst der Pflanzenbewuchs die kinetische Energie der Regentropfen ab. Das Wasser fließt nicht ungenutzt oberflächlich ab (Vermeidung von Erosion), sondern kann langsam und tief in den Boden einsickern (Infiltration).
(Hinweis zur fachlichen Genauigkeit: Da die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen die genauen Unterschiede zwischen leichten und schweren Böden nicht explizit ausführen, steht fest, dass die Erhöhung des Porenvolumens und der Infiltrationsleistung für alle Bodenarten ein entscheidender Hebel gegen Trockenstress ist.)
Welche Rolle spielen die Pflanzenarten und Mischungen?
Wissenschaftliche Untersuchungen (u. a. von den Forschern Gerhard Bodner und Norman Gentsch) belegen eindeutig, dass nicht jede Pflanzenart das Wasser gleich effizient verwertet:
Phacelia & Klee: Haben sich in den Versuchen als extrem effizient bei der Wasserspeicherung erwiesen.
Mischungen (z. B. Vierer- und Zwölfer-Mischungen): Liefern insbesondere in extremen Trockenjahren überragende Ergebnisse bei der Wassereinsparung. Sie nutzen die verschiedenen Bodenschichten optimal aus.
Gelbsenf: Zeigt im Vergleich zu anderen Arten tendenziell einen geringeren positiven Effekt auf den verbleibenden Gesamtwasservorrat im Boden.
Fazit: Dein Management macht den Unterschied
Eine Zwischenfrucht ist kein Wasserverschwender – ganz im Gegenteil. Wenn du abfrostende Arten wählst oder überwinternde Bestände in Trockengebieten rechtzeitig terminierst, schützt die Mulchschicht deinen Acker vor Austrocknung. Du gehst mit mehr Bodenvorrat und einer stabileren Struktur in die Hauptkultur des nächsten Jahres.
Unsere Artikel gibt es auch als Youtube Videos erklärt von Christoph Gutscher




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